Category Archives: Think pink

Korrekt von uns.

Vor einigen Wochen schrob ein mir damals noch nicht bekannter Herr hier in mein Internetz, er hätte da mal eine Frage*. Heute kann ich sagen: Das war mit das Schönste, was mir durch dieses Blog bisher passiert ist. Fußballtechnisch steht es mindestens auf gleicher Stufe mit dem freundlichen Kommentar meines Jugendtorwartidols Ronny Teuber vor ein paar Jahren. Seit heute kann jeder Mann, jede Frau und jeder homophobe Vollpfosten lesen, um was es da ging: Die Aktion Libero ist online.

Im Laufe des heutigen Tages berichteten 90elf, Spox, ZEIT Online und ein paar andere Medien. Nicht nur 60+ Sportblogs, sondern auch einige der meist gelesenen deutschen Blogs haben über die Aktion berichtet, sie zumindest verlinkt und damit einen beeindruckenden Buzz kreiert.

Für mich war und ist das ein ungeheuer erhebendes Gefühlt, dass die Initiative diesmal nicht aus der “schwullesbischen Ecke” kam. Nein, ziemlich smarte, fußballinteressierte Damen und Herren hatten einfach die Nase voll von den seltsamen Bekundungen Lahms und Friedrichs, von den Pöbeleien im Stadion und in den Kommentarspalten im Web. Sie haben sich zusammen getan, die Aktion professionell geplant und damit eine Öffentlichkeit erreicht, die uns als schwul-lesbischen Fans nur selten gegönnt wird.

Unser Fanclub “Andersrum Rut-Wiess” ist inzwischen vier Jahre alt. Unser Mitglied Jens Pielhau hat am Sonntag auf der chaotischen Mitgliederversammlung die FC-Charta präsentiert (Punkt 6: “Herzlich Willkommen in der schönsten Stadt Deutschlands, egal, woher du kommst, was du glaubst, was du hast oder bist, wie du lebst und wen du liebst”) und dafür jede Menge Respekt geerntet. Der Aktionstag gegen Homophobie fand damals in unserem Stadion statt. Der DFB unterstützt alljährlich den Paradewagen der schwullesbischen Fußballfans beim Kölner CSD.

Man könnte denken, alles läuft, kein Grund zur Panikmache. Auch die Aktion Libero wird die üblichen Kommentare erhalten, die laut fragen, warum das Thema denn angefasst werden muss, wenn es doch so egal ist. All jene, denen diese Gedanken kommen, sollten sich bei youtube die Ausschnitte aus Aljoscha Pauses Grimmepreis-gekrönten Dokus ansehen. All jene sollten ernsthaft in Erwägung ziehen, die nächsten 30 Jahre ein fremdes Leben zu leben.

Ich weiß nicht, ob wir es schaffen Schimpfwörter wie “Schwule Sau!” je aus dem Stadion zu verbannen, wenn sie in der Schule Standard sind. Aber zumindest braucht es das Bewusstsein bei den 80 Millionen deutschen Bundestrainern, dass Lahm, Friedrich, Daum, Bierhoff, Ballack-Berater Becker, Weidenfeller zuweilen unverantwortlichen bis gefährlichen Schwachsinn von sich geben. Dass 80 Millionen Bundestrainer sich kurz überprüfen, warum sie Cristiano Ronaldo dissen und in welcher Weise sie das zu tun gedenken. Dass 80 Millionen Bundestrainer im Stadion denjenigen den Mund verbieten, die diskrimierende Äußerungen tätigen. Dass 80 Millionen Bundestrainer ihre Meinung zum Frauenfußall reflektieren. Dass 80 Millionen Bundestrainer mal nicht nur an die Millionen denken, die die Profis verdienen, sondern daran, dass es sich um fragile Menschenskinder handelt.

Und unter diesen Menschenskindern sind einige, die sich verbiegen, Scheinehen eingehen und darunter leiden, dass andere es zulassen, dass der Fußball eine Enklave der Homophobie ist. Solange bleiben wird, wie wir und die Protagonisten nicht aufstehen und sagen: Das darf doch nicht sein, dafür gibt es gar keinen Grund!

Ich danke allen aus dem Projektteam von ganzem Herzen. Ich beglückwünsche euch zu dem Erfolg bisher. Ich bin froh, ein klein wenig dazu beigetragen zu haben.

 

* Es ist toll, dass so alte Kontakte in den Westen immer noch funktionieren. Networking, ftw!

Der AIDS-Krieg

 

Der ARD zeigt aus Anlass des Welt-AIDS-Tages am Mittwoch, dem 16.11.2011 um 22.45 Uhr die vom WDR verantwortete Reportage “Der AIDS-Krieg“. Heute war Vorabpremiere im Filmforum des Museum Ludwig in Köln in Anwesenheit von Redakteurin Christiane Hinz und Produzent Uwe Dierks.

45 Minuten Flashback in die 80er, als Gauweiler und Spiegel Amok liefen und vor allem Homosexuelle stigmatisiert wurden, während sie zusätzlich ihren Freunden beim Sterben zusehen mussten. Anhand der Interviews mit Protagonisten aus unterschiedlichsten Lagern (u.a. Gauweiler, Ärzte, Aids-Hilfe, Jessica Stockmann, Rita Süssmuth, Matthias Frings, Heinz-Dieter Niemeyer, dessen Frau sich als Krankenschwester ansteckte) gelingt es der Reportage das von Angst und Panik geprägte Klima neu erlebbar zu machen. Der Film bietet tolle Bilder aus Berlin und San Francisco, genauso wie unfassbare Statements aus Talkshows und Bundestagsdebatten. Es geht nicht um die Wertung der Ereignisse und Taktgeber (Gauweiler kommt in seinem Interview beinahe kauzig-sympathisch rüber, was durch die Ausschnitte von damals konterkariert wird), jeder Zuschauer wird sich seine Meinung selbst bilden müssen. Damit ist die Reportage auch prädestiniert für Schulscreenings, der WDR bietet dankenswerterweise zwei Ausstrahlungstermine im Schulprogramm.

Nach der Vorführung gabs noch eine lockere Podiumsdiskussion, wobei besonders Herr Niemeyer, sichtlich bewegt, und Heinz Jarchow (Gründer AIDS-Stiftung) sehr emotional agierten. Der einführende Vortrag von Elfi Scho-Antwerpes (“Ich als AIDS-Hilfe…”) über HIV und AIDS heute war dagegen in Anbetracht des offensichtlich vorgebildeten Publikums überflüssig und zeitraubend, ich hab die halbe Diskussion verpasst. Warum man die Gelegenheit als AIDS-Hilfe Köln ungenutzt verstreichen ließ, die aufwendige Präventions-Filmkampagne 2011 aus dem eigenen Haus (“Paul und Etienne“) vorzustellen und in Verhältnis zur Reportage zu setzen, bleibt mir ebenfalls mindestens schleierhaft.

Jedenfalls: Unbedingter TV-Tipp und Kudos für den prominenten Sendeplatz in der ARD!

Termine:
Mittwoch, 16.11.2011 – 22.45 Uhr – ARD
Freitag, 25,11,2011 – 7.50 Uhr und 23.15 Uhr – WDR
Mittwoch, 30.11.2011 – 21 Uhr – Phoenix
Freitag, 2.12.2011 – 7.50 Uhr – WDR

“Die Angst saß uns tief in den Knochen”

… so der Titel eines Interviews mit Rosa von Praunheim durch den Kölner Stadtanzeiger. Die Angst vor Rosa saß scheinbar auch der KSta-Redakteurin tief in den Knochen. Für ein dermaßen langweiliges Interview mit hundertmal gehörten Phrasen und Aussagen brauchts ja nun keinen Rosa von Praunheim.

Interview

Nach all dem “Früher war es furchtbar – jetzt ist es besser”-Geschwafel kommt zumindest in der letzten Antwort noch etwas Deutlichkeit rüber: Nein, es sei auch heute kein leichter Schritt sich zu outen.