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5-Jahres-Reportage: Aufstieg und Fall zweier Jung-Fußballer

… oder auch eine Demontage von Andreas Thom und des Ausbildungsvereins Hertha BSC.

Alle Folgen hier auf der Übersichtsseite der FAZ. Erschreckend, faszinierend, beeindruckend.

Temporäres Happy-End übrigens für Bilal: Er hat es in dieser Saison in die U23 von Mainz 05 geschafft, auch wenn er im ersten Spiel noch nicht dabei war.

Die Reihe erinnert an die Einsplus-Produktion “Ich werde Fußballstar. Der knallharte Weg ins Profigeschäft”, die drei Nachwuchsspieler der TSG über ein Jahr porträtiert:

Aus der TV-Produktion haben es in dieser Saison Grischa Prömel und Nicolai Rapp in die Erstliga-Mannschaft von Hoffenheim geschafft, Nico Rieble in die U23.

Was die Trainer-Problematik (in dem Fall Christoph Daum, Dick Advocaat) angeht und wie sie über Karrieren richten kann, findet man Parallelen zu Aljoscha Pauses Film über Thomas Broich (“Tom meets Zizou – Kein Sommermärchen“).

Knüppel ausm Sack

Beim Sondergipfel hatten DFB, DFL und die Innenminister beschlossen, den Strafenkatalog für Randalierer nicht zu verschärfen. “Gewalt ist nicht allein ein Problem des Fußballs”, sagte Liga-Präsident Reinhard Rauball vor wenigen Wochen, die Verantwortlichen sprachen sich für Besonnenheit aus, für Dialog.

Was macht der DFB ein paar Tage später? Sperrt Dynamo für den nationalen Pokalwettbewerb nächstes Jahr. Schöner Kommentar, wenn auch nur mäßig bebildert und mit schlimmer Sub-Headline, bei n-tv.

Dabei sind die gewaltbereiten Vollspaten aus dem Umfeld von Dynamo Dresden ja nicht mal der Radaubrüder Nummer 1. Randalemeister ist bekanntermaßen die Eintracht aus Frankfurt. Und selbst im Ostvergleich hat Dynamo mit der Hansa-Kogge aus dem Norden noch einen Rivalen um den Platz an der Bengalosonne.

Bei solchen schäbigen, unverhältnismäßigen, sinnlosen und politisch motivierten Entscheidungen möchte man das Fan-Dasein komplett aufgeben.

So. Ich werde jetzt Dynamo-Mitglied.

PS: Letzten Sonntag:

Korrekt von uns.

Vor einigen Wochen schrob ein mir damals noch nicht bekannter Herr hier in mein Internetz, er hätte da mal eine Frage*. Heute kann ich sagen: Das war mit das Schönste, was mir durch dieses Blog bisher passiert ist. Fußballtechnisch steht es mindestens auf gleicher Stufe mit dem freundlichen Kommentar meines Jugendtorwartidols Ronny Teuber vor ein paar Jahren. Seit heute kann jeder Mann, jede Frau und jeder homophobe Vollpfosten lesen, um was es da ging: Die Aktion Libero ist online.

Im Laufe des heutigen Tages berichteten 90elf, Spox, ZEIT Online und ein paar andere Medien. Nicht nur 60+ Sportblogs, sondern auch einige der meist gelesenen deutschen Blogs haben über die Aktion berichtet, sie zumindest verlinkt und damit einen beeindruckenden Buzz kreiert.

Für mich war und ist das ein ungeheuer erhebendes Gefühlt, dass die Initiative diesmal nicht aus der “schwullesbischen Ecke” kam. Nein, ziemlich smarte, fußballinteressierte Damen und Herren hatten einfach die Nase voll von den seltsamen Bekundungen Lahms und Friedrichs, von den Pöbeleien im Stadion und in den Kommentarspalten im Web. Sie haben sich zusammen getan, die Aktion professionell geplant und damit eine Öffentlichkeit erreicht, die uns als schwul-lesbischen Fans nur selten gegönnt wird.

Unser Fanclub “Andersrum Rut-Wiess” ist inzwischen vier Jahre alt. Unser Mitglied Jens Pielhau hat am Sonntag auf der chaotischen Mitgliederversammlung die FC-Charta präsentiert (Punkt 6: “Herzlich Willkommen in der schönsten Stadt Deutschlands, egal, woher du kommst, was du glaubst, was du hast oder bist, wie du lebst und wen du liebst”) und dafür jede Menge Respekt geerntet. Der Aktionstag gegen Homophobie fand damals in unserem Stadion statt. Der DFB unterstützt alljährlich den Paradewagen der schwullesbischen Fußballfans beim Kölner CSD.

Man könnte denken, alles läuft, kein Grund zur Panikmache. Auch die Aktion Libero wird die üblichen Kommentare erhalten, die laut fragen, warum das Thema denn angefasst werden muss, wenn es doch so egal ist. All jene, denen diese Gedanken kommen, sollten sich bei youtube die Ausschnitte aus Aljoscha Pauses Grimmepreis-gekrönten Dokus ansehen. All jene sollten ernsthaft in Erwägung ziehen, die nächsten 30 Jahre ein fremdes Leben zu leben.

Ich weiß nicht, ob wir es schaffen Schimpfwörter wie “Schwule Sau!” je aus dem Stadion zu verbannen, wenn sie in der Schule Standard sind. Aber zumindest braucht es das Bewusstsein bei den 80 Millionen deutschen Bundestrainern, dass Lahm, Friedrich, Daum, Bierhoff, Ballack-Berater Becker, Weidenfeller zuweilen unverantwortlichen bis gefährlichen Schwachsinn von sich geben. Dass 80 Millionen Bundestrainer sich kurz überprüfen, warum sie Cristiano Ronaldo dissen und in welcher Weise sie das zu tun gedenken. Dass 80 Millionen Bundestrainer im Stadion denjenigen den Mund verbieten, die diskrimierende Äußerungen tätigen. Dass 80 Millionen Bundestrainer ihre Meinung zum Frauenfußall reflektieren. Dass 80 Millionen Bundestrainer mal nicht nur an die Millionen denken, die die Profis verdienen, sondern daran, dass es sich um fragile Menschenskinder handelt.

Und unter diesen Menschenskindern sind einige, die sich verbiegen, Scheinehen eingehen und darunter leiden, dass andere es zulassen, dass der Fußball eine Enklave der Homophobie ist. Solange bleiben wird, wie wir und die Protagonisten nicht aufstehen und sagen: Das darf doch nicht sein, dafür gibt es gar keinen Grund!

Ich danke allen aus dem Projektteam von ganzem Herzen. Ich beglückwünsche euch zu dem Erfolg bisher. Ich bin froh, ein klein wenig dazu beigetragen zu haben.

 

* Es ist toll, dass so alte Kontakte in den Westen immer noch funktionieren. Networking, ftw!

Nach dem Beben

Man kann die Geschehnisse der gestrigen Mitgliederversammlung des 1. FC Köln durchaus positiv bewerten: Egomane Overath und der Rest des Dreigestirns treten freiwillig ab, machen den Weg frei für eine professionelle Zukunft. langfristige Planung, mittelfristigen Erfolg. Europapokal, Europapokal! Natürlich kann das nicht wie bei zivilisierten Menschen vonstatten gehen, sondern viel zu viele Beteiligte (inkl. Overath) zeigen noch mal deutlich, dass die schicke FC-Charta unter Umständen nur eben halb so viel Wert ist, wie Blut, Schweiß und Tränen drin stecken.

Mann kann aber auch ein einfach der Karnevalsverein bleiben, als der man sich seit Jahren und gerade eben wieder präsentiert: